Lilly

Wenn ich diesen Namen höre, denke ich an ein zierliches Geschöpf, etwas blass, mit einer leisen Stimme, die man nur verstehen kann, wenn man mit dem Ohr ganz nah herankommt.

Ich sehe Lilly - in cremefarbene Seide gekleidet - auf einem gepolsterten, thronähnlichen Sessel draußen am Pool; im Schatten natürlich, denn ihre zarte Haut verträgt keine Sonne. Der luftige Stoff ihrer Kleidung umspielt ihren Körper und bewegt sich leicht im Hauch der sommerlichen Brise, die vom Meer hochsteigt. Ihr Blick löst sich langsam von den Zeilen, die sie gerade liest und ihre blauen Augen schweben zum Horizont und genießen die Aussicht. Jede ihrer wenigen Bewegungen findet in einer Art Schwerelosigkeit statt, ist anmutig und würdevoll.

Während ihr Blick noch auf dem Blau des Meeres in der Ferne ruht, liegt ihre kleine Hand auf der aufgeschlagenen Seite des Buches in ihrem Schoß. Sie trägt keinen Ring. Sie trägt gar keinen Schmuck. Wahrscheinlich würde jede Perle, jeder Diamant, jedes Stück Gold ihren zarten Körper zu sehr belasten und beschweren.

Ich stehe an der offenen Tür des Hauses und schaue - tief bewegt von diesem Anblick - zu ihr hinüber und versuche so sanft wie möglich zu rufen, damit ich sie nicht erschrecke…

… und gehe in Deckung.

Die Lilly, die ich kennen gelernt habe, ist pechschwarz, Labrador-Mischling, unerzogen und ungestüm und kommt mit einem Kampfgewicht von etwa 40 Kilo auf mich zugestürmt. Und wenn die sich zu Ende gefreut hat, ist meine Bluse zerrissen, mein Arm ausgekugelt und mein Mobiltelefon im Pool versunken.

 

© Heike Petersen

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